Aufgaben der Hospizbewegung
Die Motivation, Sterbende und deren Angehörige zu begleiten, entspringt dem tiefen Vertrauen heraus, Schwäche, Krankheit und Leid zu verstehen, zu begreifen und zu verarbeiten.
Die “National Hospice Organisation der USA” versucht dies zu definieren:
Hospize bejahen das Leben. Hospize machen es sich zur Aufgabe, Menschen in der letzten Phase einer unheilbaren Krankheit zu unterstützen, damit sie in dieser Zeit so bewusst und zufrieden wie möglich leben können.
Hospize leben aus der Hoffnung und Überzeugung, dass sich der Patient und ihre Familie so weit geistig und spirituell auf den Tod vorbereiten können, dass sie bereit sind, ihn anzunehmen. Voraussetzung hierfür ist, dass eine angemessene Pflege gewährleistet ist und es gelingt, eine Gemeinschaft von Menschen zu bilden, die sich ihrer Bedürfnisse verständnisvoll annimmt.
Natürlich sollten wir berücksichtigen, dass viele Familien gut in der Lage sind, mit der Situation um das Sterben und den Tod eines Angehörigen gemeinsam umzugehen, sich gegenseitig zu stützen oder eigene Kräfte zu sehen und zu mobilisieren, auch wenn die Zeit der großen Familien zu Ende geht.
Auf der anderen Seite sind wir der Überzeugung, dass viele Familien mit sterbenden Angehörigen gar nicht wissen, was Hospizdienste tatsächlich leisten können.
“Sterbebegleitung” - so wie es manchmal ohne weitere Erklärung als Angebot des Hospizdienstes postuliert wird - ist möglicherweise genau das, was einige Familien nicht möchten. Im Sterbeprozess dem Menschen nahe zu sein, den man liebt, also die Sterbebegleitung, ist den meisten Angehörigen und anderen Nahestehenden sehr wichtig. Die Hand eines Sterbenden zu halten, braucht niemand anderes zu tun.
Vielleicht brauchen Familien mit einem sterbenden Angehörigen in Einzelfällen jemanden, der sich an das Bett des kranken Ehemannes, Vaters, Schwester setzt. Aber möglicherweise brauchen sie andere Dinge noch viel mehr. Sie brauchen vielleicht ein Gespräch, sie brauchen vielleicht eine Stunde Freiraum, sie brauchen vielleicht jemanden, der ihnen hilft, mit den Kindern des Sterbenden zu sprechen, sie sind vielleicht froh, wenn ihnen jemand bei der Formulierung der Patientenverfügung hilft,… sie brauchen so vieles, was sie jedoch in den örtlichen Veröffentlichungen über die Arbeit des Hospizdienstes oftmals nicht finden.
Professor Dr. med. Student entwickelte 1987 die “10 Grundprinzipien der Hospizbewegung”, die auch heute noch für die Hospizarbeit in Deutschland herangezogen werden.
1. Der Patient und seine Angehörigen werden als gemeinsame Adressaten der Hospizdienste betrachtet.
Eine lebensbedrohliche Erkrankung betrifft nicht nur den Patienten, sondern zieht auch sein soziales Umfeld in Mitleidenschaft. Die Hilfe orientiert sich an den Wünschen und Bedürfnissen aller Betroffenen.
2. Fürsorge durch ein interdisziplinäres Team.
Um dem “ganzen Menschen” gerecht zu werden bedarf es einer Zusammenarbeit Verschiedener Fachrichtungen: Arzt, Krankenschwester, Sozialarbeiter; Psychologe, Physiotherapeut, Geistlicher ect. sollen sich gegenseitig stützen und jedem einzelnen die Möglichkeit geben, seine fachlichen Fähigkeiten einzubringen. Sie bilden mit der betroffenen Familie und freiwilligen Helfern eine “fürsorgliche” Gemeinschaft.
3. Rund um die Uhr erreichbar
Gerade in der häuslichen Pflege ist es für die Angehörigen wichtig, jederzeit fachkundige Hilfe erreichen zu können. Das Hospiz soll den Angehörigen durch einen kontinuierlichen Dienst Vertrauen und Sicherheit vermitteln
4. Gründliche Kenntnisse und Erfahrung in der Symptomenkontrolle.
Die Bekämpfung von Schmerzen und anderen Symptomen hat unter Berücksichtigung der körperlichen, physischen, sozialen und spirituellen Dimensionen nach neusten Erkenntnissen und Methoden zu erfolgen.
5. Freiwillige Helfer als integraler Bestandteil des Dienstes
Durch die Einbeziehung von Laien soll eine Verbindung von Alltagswelt und Hospiz geschaffen werden. Als “anteilnehmende Mitmenschen” gegenüber dem Sterbenden und seinen Angehörigen wirken sie der Gefahr einer zu starken Professionalisierung der Sterbebegleitung entgegen.
6. Aufnahme der Patienten in ein Programm, unabhängig von der Reglung der Kosten.
Obwohl eine Versorgung in der Familie nicht immer finanziell abgesichert ist und auch stationäre Hospize von öffentlichen Kostenträgern selten voll anerkannt werden, sollte der Hospizdienst die Finanzierungsfrage nicht in den Vordergrund stellen. Durch ein Solidaritätsprinzip sollte auch die Versorgung derjenigen gesichert sein, die nicht über entsprechende Eigenmittel verfügen.
7. Nachgehende Begleitung der Hinterbliebenen.
Der emotionale Prozess des Abschiednehmens und der Trauer beginnt in der Regel schon vor dem Eintritt des Todes, geht bei den Angehörigen aber auch über diesen hinaus. Die Betreuung sollte daher auch nach dem Tod des Patienten gewährleistet sein, um drohende Isolation oder andere Folgen zu verhindern.
8. Medizinisch - ärztliche Leitung.
Da Ärzte nach wie vor mit besonderem Sozialprestige ausgestattet sind, können sie helfen, dem Hospiz seinen Platz innerhalb des Gesundheitswesen zu sichern. Innerhalb des Hospizteams steht dem Arzt jedoch die ihm im Gesundheitswesen sonst zugesprochene dominierende Rolle nicht zu. Seine Hauptaufgabe liegt in der Behandlung körperlicher Symptome und Bedürfnisse des Sterbenden und der Angehörigen.
9. Kooperation mit bereits bestehenden Diensten.
Hospiz versteht sich als Ergänzung bereits vorhandener Einrichtungen und strebt durch eine gezielte Zusammenarbeit mit diesen eine Verbesserung der Situation sterbender Menschen an. Eine solche Kooperation soll Rivalität verhindern und zu gegenseitiger Bereicherung beitragen.
10. Stationäre Rückendeckung für den Hauspflegedienst.
Die ambulanten Dienste werden zunehmend als Basis der Hospizarbeit angesehen.
Das heißt also, dass dem Sterbenden jegliche Hilfe ermöglicht wird und dass die Angehörigen gleichermaßen entlastet werden und ihnen mit Rat und Tat zur Seite gestanden wird. All das, was Hospizdienste von Beginn an tun, geht weit über den eigentlichen Begriff der Sterbebegleitung hinaus. Die Hospizbewegung selbst sieht auch den Begriff der Sterbebegleitung seit je her viel weiter gefasst, als er vom Wortstamm her bedeutet. Und sie ist in der Lage, den Bedürfnissen der Familie weit über die Begleitung des Sterbenden hinaus zu begegnen. Hospizarbeit bedeutet eben nicht die Reduktion auf das Sitzen am Sterbebett, sondern umfasst ein wesentlich differenzierteres Angebot an Leistungen, Maßnahmen und Empfehlungen. Hospizarbeit bedeutet also den Menschen in den schweren Stunden des Abschieds die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie benötigen bzw. die sie wünschen.
